Harris Tweed aus Schottland


INHALT
  • der traditionsreiche Tweedstoff gehört mittlerweile zum gefragten Luxusgut

  • die Wollstoffe werden unter strengsten Vorschriften in Handarbeit auf den Äußeren Hebriden hergestellt

  • Tweed Stoff gilt aufgrund seiner Qualität als ein Gefährte für’s Leben

  • Einblicke in den Herstellungsprozess geben Wollwebereien und Museen

 

Harris Tweed: ein Produkt der Äußeren Hebriden

Die Äußeren Hebriden hoch im Nordwesten Schottlands zählen schon aufgrund ihrer exponierten Lage zu den weniger besuchten Regionen des Landes. Und auch wer versucht, die über 50 zugehörigen Inseln aufzuzählen, gerät schnell ins Stocken. Ein Eiland darf sich jedoch getrost auf seinen bekannten Ruf verlassen – die Rede ist von Lewis and Harris, Schottlands größter Insel. Trotz ihres irreführenden Namens bezeichnet sie nur eine einzelne Landmasse: Während sich Lewis auf den weitgehend flachen, nördlichen Teil der Insel bezieht, weckt das südwestlich gelegene Harris als Namensgeber bei vielen Besuchern eine ganz andere Assoziation: Harris Tweed ist eine Marke, die mittlerweile längst über die Landsgrenzen hinaus für seine Qualität und handwerkliche Tradition bekannt ist.

Herkunftsgarantie der Tweed-Stoffe

Wer heute ein Stück des weltbekannten Tweed-Stoffes in der Hand hält, kann sich seiner Herkunft sicher sein.

Der Harris Tweed Act aus dem Jahre 1993 definiert ganz genau, was als “echter” Harris Tweed vertrieben werden darf: “Harris Tweed is cloth that has been handwoven by the islanders of Lewis, Harris, Uist and Barra in their homes, using pure virgin wool that has been dyed and spun in the Outer Hebrides.” (Harris Tweed ist ein Stoff, der von den Einwohnern von Lewis, Harris, Uist und Barra handgewebt in ihren Häusern wurde, pure Wolle benutzt, die auf den Äusseren Hebriden gefärbt und gesponnen wurde.) Seit 1910 als geschützte Marke anerkannt, sind Produkte, die diesen strengen, auf die Tradition des Herstellungsprozesses achtenden Vorschriften genügen, am “Orb and Maltese Cross” (Reichsapfel mit Kreuz) zweifelsfrei zu erkennen.

Auf der Insel Harris gibt es zahlreiche kleine Wollwebereien im Familienbetrieb.
Der Harris Tweed ist das bekannteste Mode-Produkt aus Schottland.
Einige Wollwebereien in Schottland bieten Fuehrungen fuer Touristen an.
Wollwebereien fuer Harris Tweed findet man vor allem auf den Aeusseren Hebriden.

Auch Romanfiguren wissen die Vorzüge des Harris Tweed zu schätzen: Dr. Robert Langdon, der Protagonist von Dan Browns Da Vinci Code-Reihe, trägt bei seinen Abenteuern ein Sakko aus dem traditionsreichen Stoff, und auch Agatha Christies schrullige Detektivin Miss Marple tritt gerne in Tweed vor die Tür.

Tweed wurde in Schottland schon seit Jahrhunderten hergestellt, auch wenn erst die Errungenschaften der industriellen Revolution den Herstellungsprozess erheblich zu erleichterten wussten.

Lediglich auf den abgelegenen Äußeren Hebriden, die damals schon für die Qualität ihres Tweeds bekannt waren, wurden manuelle Fertigungsmethoden beibehalten.

Einen wahren Aufschwung erlebte der robuste Stoff Ende des 19. Jahrhunderts – tatkräftig unterstützt von Catherine Murray, Countess of Dunmore, die zu diesem Zeitpunkt begann, den Tweed mit wachsendem Erfolg in England zu vermarkten. Nachahmerprodukte von schlechter Qualität rechtfertigten 1910 die Gründung der Harris Tweed Association Ltd. als zentrale Vermarktungs- und Kontrollinstanz. Nachdem eine sinkende Nachfrage seit Ende der 1960er zur Aufgabe vieler Betriebe führte, konnte in den letzten Jahren wieder ein steigender Absatz verzeichnet werden –  so wurden 2012 die Produktionsmarke von einer Million Meter Harris Tweed geknackt.

Vom Schaf in den Kleiderschrank

Am Anfang war das Schaf – und dabei vor allem die Rassen Blackface und Cheviot: Reine Schurwolle, die zum Großteil vom schottischen Festland stammt, wird gemischt, um eine flächendeckend herausragende Qualität des Rohstoffes zu gewährleisten. Anschließend wird die Wolle in die Fabriken der Tweederzeuger gebracht, wo sie gewaschen und gefärbt wird.

Um die exakten Farbtöne zu erhalten, werden die gefärbten und weißen Wollen mit viel Fingerspitzengefühl nach strengen Angaben kombiniert.

Wer ganz genau hinsieht, kann erkennen, dass manche Farbtöne aus bis zu neun verschiedenen Einzelfarben zusammengesetzt sind. Die Wolle wird dann zwischen mechanischen Zahnrollen gekrempelt, wodurch ein dünnes Flies entsteht. Dieses weiche Garn wird gedreht, bis es die erforderliche Stärke für das Weben erreicht hat und auf Spulen gewickelt wird. Nun sind die Weber an der Reihe: Der gesamte Harris Tweed wird in sogenannten “Weaving Sheds” (Privathäusern) auf Pedalwebstühlen gewebt – elektronische Hilfe ist nicht erlaubt.

Um die gewünschten Muster zu erhalten, müssen mehrere hundert Fäden richtig angeordnet und während des Webprozesses ständig überwacht, verändert und verbessert werden.

Die Vielfalt an Mustern ist atemberaubend – es gibt mehr als 4000 regelmässig genutzte Muster- und Farbkombinationen, welche sich grob in Checks & Tartans, Plain, Herringbone (Fischgräten), Houndstooth (Hahnentritt), Barleycorn und Kaona (Streifenmusten) einteilen lassen. Sie sollen von den Farbspielen der schottischen Natur und Landschaft inspiriert sein und sind bis auf ein paar grellere Exemplare eher gedeckt und unauffällig gehalten.

Der fertige Wollstoff wird zurück in die Wollfabriken gebracht, wo er gewaschen, gedämpft und gemängelt wird. Nach einer abschließenden Prüfung durch die unabhängige Harris Tweed-Authority wird das begehrte Qualitäts-Gütesiegel mit dem Reichsapfel auf den Stoff aufgebügelt. Das Erzeugnis wird dann sowohl auf den Inseln als auch im Rest der Welt weiterverarbeitet.

Tweed als Modetrend

In den letzten Jahren wurde Tweed vor allem in der Mode- und Design-Branche wiederentdeckt und damit eine Art Kultstatus erreicht. Den Deal seines Lebens hat Weber Donald John Mackay wohl 1994 geschlossen. Von Sportartikelhersteller Nike wurde er beauftragt für eine neue Turnschuh-Kollektion schnellstmöglich knapp 10.000 Meter Stoff zu produzieren. Weber von den ganzen Hebriden eilten daraufhin zu Hilfe, um Mackay unter die Arme zu greifen – verständlich, wenn man bedenkt, dass ein Weber normalerweise “nur” etwa 80 bis 100 Meter pro Woche herstellt. Viele Weber haben keine eigene Webseite, verkaufen die Stoffe allerdings über Facebook und andere Social Media Kanäle.

Viel Werbung ist dabei oft nicht notwendig, denn die Stoffe werden den Webern oft schon im voraus abgekauft.

Der Tweed ist durch und durch ein Produkt seiner rauen Herkunft – der robuste, wärmende, wind- und wasserabweisend Stoff hat sich seit langem im Kampf gegen die harschen schottischen Wetterbedingungen bewährt. Außerdem gewinnt der Tweed-Stoff erst durch ausgiebigen Gebrauch seine weiche, komfortable Beschaffenheit, die sich direkt nach dem Produktionsprozess oft noch grob und hart anfühlt – ganz nach dem Motto “harte Schale, weicher Kern”.

Besuch von Wollwebereien

Sprichwörtlich selbst auf Tuchfühlung gehen können Besucher auf einer Hebriden-Rundreise. Einige traditionelle Wollwebereien bieten sogar Führungen an. Die Carloway Mill ist eine der kleinsten Wollwebereien und stellt 30 Mitarbeiter an. Hier kann man dienstags und mittwochs zweimal pro Tag auf einer Führung den Herstellungsprozess der Tweedstoffe miterleben. Andere Wollwebereien wie Harris Tweed Isle of Harris verfügen über Ladengeschäfte, wo man nicht nur unter Dutzenden Stoffballen ein geeignetes Tuch auswählen, sondern auch weiterverarbeitete Produkte wie Mützen, Jacken und Taschen kaufen kann. Und wenn Sie Interesse an weiteren handgefertigten Produkten aus Schottland haben, werfen Sie einen Blick auf die Seite Handwerk & Craft in Schottland und Fair Isle Strickereien.

Ein Textbeitrag von Hannah Grimmel. Bilder: Constanze Schimmeyer.

Tweedstoffe aus Schottland sind in der ganzen Welt begehrt.